Chinamada – das Höhlendorf

Es fallen ein paar Tropfen als wir unsere knapp 10km lange Wanderung nach Chinamada auf knapp 900m Höhe am Mirador Cruz del Carmen starten. Kein Wunder, ist doch das Anaga Gebirge die Wasserkammer Teneriffas und ohne wäre die Vegetation hier nicht so üppig und grün.
1934 wurde dieser schöne Aussichtspunkt hier errichtet und dafür gab es einen Grund. Denn genau hier trafen sich schon immer alle Fusswege aus dem sehr zerklüftetetem und wenig besiedelten Anaga Gebirge – die der Guanchen, der Ureinwohner, aber insbesondere auch die der späteren Siedler, lange bevor es Straßen gab. Gangocheras, Körbträgerinnen, nannte man sie. Sie brachten ihre manchmal bis zu 100kg schweren Körbe auf dem Kopf balancierend nach La Laguna um Obst, Gemüse, Fleisch etc. zu verkaufen oder einzutauschen – barfuss. Und dabei sangen sie Lieder und schwatzten aufgeregt, froh, mal wieder unter Menschen zu sein.
Die Aussicht vom Mirador: La Laguna, die erste Hauptstadt Teneriffas mit seiner mehr als sehenswerten Altstadt, das weite Tal, geschützt an 3 seiner 4 Flanken durch Berge, die den spanischen Eroberern ab 1496 (Sicht-) Schutz u.a. vor Piraten boten, eine Ebene, bestens geeignet für Landwirtschaft und Viehzucht, und dahinter liegend ein langer Bergrücken bis hoch zum Teide, der über allem thront. Die grandiose Aussicht ist heute leicht getrübt durch den feinen Nieselregen aber nicht unsere Stimmung. Bestgelaunt machen wir uns auf den Weg in den Lorbeerwald, der jetzt einem seiner vielen Beinamen besondere Ehre macht: Märchenwald.
Die Feuchtigkeit in der Luft verleihen dem Wald ein wahrhaft märchenhaftes Flair. Das Licht ist schummrig und unwirklich, wir wandern an kreuz und quer liegenden bzw. hängenden Bäumen vorbei, die ein feuchtes Kleid aus Moosen und Flechten tragen. Die verschiedenen Grün Nuancen der Natur begeistern uns. Kaum im Wald, hört der feine Nieselregen auf. Bald schon befinden uns auf einem Höhenweg, geniessen den Blick in eine tiefe Schlucht, sehen Batán auf der anderen Seite des Barrancos und am Horizont das tiefblaue Meer. Was will ein Wanderherz mehr?
Auf schmalen Pfaden, vorbei an einer modernen Wasserauffangstation, die mit Netzen die Natur kopiert und Wolken ‚melkt‘, fühlen wir uns wie die Gangocheras und schwatzen aufgeregt …. mit dem kleinen Unterschied, dass Wanderschuhe unsere Füsse zieren und statt 100kg auf dem Kopf nur ein paar Kilos im Rucksack zu tragen sind.
Auf einem Bergrücken züchtet ein Hirte, angeblich ein Aussteiger aus La Laguna, Schafe, nicht der Wolle oder der Milch wegen …. es sind Fleischafe, die bis zu ihrem letzten Atemzug ein schönes Leben haben und eine phantastische Aussicht geniessen.
Chinamada ist greifbar nah und schneller als gedacht sind wir da. Erst seit wenigen Jahren gibt es eine Straße, Elektrizität, Warmwasser und Telefon. Zu Beginn sind die Felsenwohnungen kaum von normalen Häuschen zu unterscheiden, ein jedoch nur 1-2m tiefer Vorbau verrät, dass sich der Rest im Fels befinden muss. Meistens 2 Räume, einen Wohn- und einen Schlafraum, gibt es innen, Küche und Bad befinden sich traditionell außerhalb der Höhle. Ungefähr 19C garantieren diese in den Fels geschlagenen Höhlen sowohl im Sommer als auch im Winter. in Chinamada gibt es ca. 30 Höhlenwohnungen bei nur noch 10-12 Personen, die permament hier wohnen, viele kommen nur noch am Wochenende zurück.
Eine kleine Kapelle steht mitten im winzigen Ort und ein Restaurant, La Cueva, ebenfalls in den Fels geschlagen, bietet an 5 Tagen etwas Abwechslung für Bewohner und Wandergäste. Isolation, fehlende Infrastruktur insbesondere für Familien und alte Menschen, das harte Leben als Bauer mit kleinen, tief unten gelegenen Terrassenfeldern, haben die Menschen in die Städte flüchten lassen. Was nutzt die schönste Aussicht wenn ein Arzt im Notfall zu spät kommt, das Alter es nicht mehr zulässt, die schwer zugänglichen Felder zu bearbeiten, der nächste, gut sortierte Supermarkt 1 Stunde entfernt ist und man vereinsamt. Der Menschenschlag, der noch in Chinamada lebt, ist wohl ein Besonderer. Doch je mehr Zeit wir hier verbringen, desto romantischer erscheint uns dieser hübsche, ruhige Ort. Vielleicht könnte ich mal ein Wochenende oder sogar eine Woche zum Entspannen und Entschleunigen hier verbringen? Der Gedanke erscheint immer verlockender …..
Die letzten 2km nach Las Carboneras vergehen wie im Flug und bieten einen weiteren Barranco mit tief gelegenen, teilweise verwilderten Terrassenfeldern, altmodischen aber immer noch funktionierenden Lastenaufzügen, natürlichen Höhlen, die sicherlich schon den Guanchen als Wohn- oder Grabhöhle dienten und eine imponierende Natur und Bergwelt.
Bei kanarischem Essen und Wein lassen wir eine abwechslungsreiche und beeindruckende Wanderung ausklingen.

Titsa bringt uns zurück in eine ganz andere Welt und mit etwas Wehmut denken wir zurück an die Idylle in Chinamada.

 

Verfasser: Petra

 

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